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Treffpunkt der Kulturen

Hier treffen Geschäftsleute auf Rucksacktouristen, Nah auf Fern, West auf Ost. Ein Grätzel voller Kontraste und bunter Bilder.

Amerikanische Geschäftsleute werden den Europäern oft als Vorbild hingestellt. Sie sagen nie, dass sie Probleme hätten, nein, sie sprechen von Herausforderungen und verstrahlen stets Optimismus. Es stimmt, in unserer Kultur ist man ein wenig zurückhaltender und feiert die Erfolge lieber am Ende als vor dem Anfang. Ein alter Witz bringt es auf den Punkt. Sagt ein Wiener Kaufmann zum Anderen: „Wie geht das Geschäft?“, antwortet der Andere: „Wer redet von gehen? Tragen muss man es!“
René Ringsmuth ist ein erfolgreicher Wiener Wirt. Sein Gasthaus in der Johannitergasse, wenige Schritte vom Hauptbahnhof entfernt war immer schon der angesagte Treffpunkt für die Favoritner, die Bewohner des zehnten Bezirks. Der zum europäischen Knotenpunkt mutierte Bahnhof beschert ihm jetzt viele neue Kunden. Dennoch ist er zurückhaltend, renommiert nicht mit seinen Erfolgen, sondern bleibt bescheiden: „Früher war es sehr hart, heute ist es immer noch hart. Aber natürlich ist es leichter geworden, es sind in der Umgebung viele Hotels entstanden und es kommen Gäste aus Nah und Fern“. Tatsächlich ist die Kombination von wunderbarer, traditioneller Wiener Küche und dem belebten Platz eine Erfolgsgarantie. Wer zur Mittagszeit oder am Abend zum „Ringsmuth“ essen gehen will, ist gut beraten einen Tisch zu reservieren. Das Publikum ist bunt, wie der Fahrplan der Bahn vis á vis. Geschäftsleute aus der Umgebung treffen auf Rucksacktouristen, Wanderer, die auf ihren Zug warten auf Gäste aus der Umgebung.

Bahn belebt, das ist eine alte Weisheit. Mit dieser Ansicht treffen wir uns im Übrigen mit den Amerikanern. Präsident Lincoln hat bereits im Laufe des Bürgerkriegs den Bau einer Eisenbahnverbindung nach Kalifornien genehmigt, mit der klugen Strategie, das große Land auch faktisch zu verbinden. Bahn verbindet Menschen, aber sie bringt auch und vor allem Wohlstand. Der imposante Knoten Hauptbahnhof macht das Reisen über alle Grenzen einfacher, lässt Nord und Süd, West und Ost zusammenkommen.

15 süße Minuten

Nicht nur weit entfernt wohnende Menschen, die neuerdings ohne mühsames Umsteigen Wien im Zug passieren können, profitieren vom Hauptbahnhof. Auch die unmittelbare Umgebung verändert sich rasch. Daniel Colakovic hat auf der inneren Favoritenstraße, im Haus Nummer 45 ein Café Bistro namens „15 süße Minuten“ eröffnet. Ja, die Nähe zum neuen Bahnhof sei die Motivation gewesen, neben seinem in der Nähe gelegenen Bäckereibetrieb dieses junge, frische Lokal aufzumachen. Während René Ringsmuth mit seiner traditionellen Küche auf Haubenniveau punktet, sind es hier die Angebote für ein jugendliches Publikum, das die Plätze füllt. Da gibt es den "Veganen Montag", den "Frisch Freitag" und den "Schnitzel Mittwoch". Auf der Facebook-Seite des Lokals postet Wisanu Tuntawiroon aus Bangkok seinen Teller voll mit Mohnnudeln und beweist bestens, wie sich die Gegend zum Treffpunkt von Nah und Fern entwickelt. In Abwandlung eines alten Spruches kann man sagen: „Reisen und Essen bringt die Leute zusammen“.

Der Platz für ein Café am nördlichen Ende der inneren Favoritenstraße ist auch deshalb gut gewählt, weil ganz in der Nähe, an der Ecke zur Kolschitzkygasse ein Denkmal an Georg Franz Kolschitzky erinnert. Er hat angeblich das Kaffeetrinken in Wien eingeführt. Der Überlieferung nach hätte er in waghalsiger Manier die türkischen Truppen während der Belagerung von 1683 ausgekundschaftet und dafür nach dem Abzug der Feinde einige Säcke Kaffee bekommen. Eine andere Version spricht davon, dass die Türken einen Teil ihres Kaffeevorrats einfach vergaßen, Kolschitzky sich diesen angeeignet und gleich auch ein Kaffeehaus eröffnet hätte.

Am Ende der inneren Favoritenstraße in Sichtweite des Bahnhofs befindet sich der Südtiroler Platz, dessen Name daraufhin weist, dass hier ein wichtiger Verkehrsweg nach Süden verlaufen ist. Heute fahren die Autos ein wenig weiter westlich über die Triesterstraße, die ihren Zielort ebenfalls im Namen trägt, zur A2, der „Südautobahn“.

Der Südtirolerplatz ist heute ebenso weitläufig wie unattraktiv. Das soll sich nach Plänen der Stadtregierung bald ändern. Es ist an eine begrünte Begegnungszone gedacht, die hier ein neues Eingangstor in Richtung Zentrum bilden soll. Das wird die Wohngegend an der Grenze vom vierten zum fünften Bezirk attraktiver gestalten und auch neue, hochwertigere Geschäfte anziehen.

Mehr Information unter graetzlbericht.at

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