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Auf Streifzug durch die Zieglergasse

In der Zieglergasse findet man alles, was das Herz begehrt – von kleinen Werkstätten über kulinarische Institutionen bis hin zu Museen und Galerien.

Die Zieglergasse – von der Mariahilfer Strasse bis zur Lerchenfelderstrasse Ziegeleien in der Wiener Vorstadt

Noch lange bevor im 19. Jahrhundert die Einführung von dampfbetriebenen Ziegeleien den Hausbau revolutionierte, gab es kleine Ziegeleien in der Wiener Vorstadt. Die Zieglergasse im 7. Wiener Gemeindebezirk trägt dieses Gewerbe sogar in ihrem Namen.

Begibt man sich auf einen Spaziergang durch die Zieglergasse und startet damit auf Höhe der Mariahilfer Straße bei der Station der U3, so holt man sich am besten zu Beginn in der Vollwertbäckerei Gradwohl eine Stärkung für den langen Weg. Hier gibt es schmackhafte Bio-Salzbrezerl oder herrlich süße Zimtschnecken, die einen die rund einen Kilometer lange Strecke genussvoll bewältigen lassen. Auf dem Weg vorbei an alten Häusern lohnt es, immer wieder einen Blick in die Hinterhöfe zu werfen. Wie in vielen Teilen des Bezirks findet man im Inneren der Häuser unvermutet große Bäume und so manches idyllische Plätzchen.

Wir überqueren die Apollogasse, bei der nichts mehr an den 1808 eröffneten Apollosaal erinnert, einen Vergnügungssaal für 8.000 Besucher, der nur rund dreißig Jahre in Betrieb war und später in eine Kerzenfabrik umgewandelt wurde. Apollo machte hier seinem Ruf alle Ehre – nicht nur als Gott der Künste, sondern auch als Sühnegott: Dem unglücklichen Besitzer des Apollosaals hat er jedenfalls kein Glück gebracht, er ging bald in Konkurs.

Silberschmiede Jarosinsky & Vaugoin

Zwischen Lindengasse und Seidengasse auf der rechten Seite schräg gegenüber der Ganztages-Volksschule Neubau befindet sich in einem wunderschönen Biedermeierhaus die Silberschmiede Jarosinski & Vaugoin. Die seit 1847 bestehende Schmiede wird in sechster Generation von Jean-Paul Vaugoin geführt.

Die Schaufenster und das alte, gepflegte Eingangsportal mit dem Schriftzug „Silberwaren Fabrik“ machen neugierig, und enttäuschen den Eintretenden nicht: Vitrinen, gefüllt mit Besteck, Serviettenringen, Taufgeschenken, Vasen und Gefäßen in Silber geben einem das Gefühl, einen großartigen Schatz entdeckt zu haben. Alles glänzt – Silber, wohin man auch schaut.

„Früher gab es mehrere Handwerksbetriebe in der Gegend“, so Jean-Paul Vougoin. Die Namen der umliegenden Gassen, wie Seidengasse oder Bandgasse, zeugen davon. In den alten Biedermeierhäusern wurde ebenerdig in den Geschäften beziehungsweise Werkstätten gearbeitet und in den oberen Stockwerken gewohnt.

Ihre Spezialisierung auf die Erzeugung von Silberbestecken mit über 200 verschiedenen Besteckmustern macht Jarosinsky & Vaugoin mit acht Mitarbeitern weltweit zu einem einzigartigen Unternehmen in dieser Branche. Geführt sowohl als Einzel- als auch als Großhandel verkauft das Unternehmen seine Silberprodukte im In- und Ausland. Zwei Drittel der Ware wird in der hinter dem Verkaufslokal gelegenen Werkstätte angefertigt. Eine Werkstätte, die das Herz jedes in der Gold- und Silberschmiedekunst erfahrenen Experten höher schlagen lässt. Einen derart perfekten, authentischen und ästhetischen Arbeitsbereich kann man nur selten finden. Alte, speckige Werkbänke aus Birnenholz, das Surren der Hängebohrmaschinen, der Geruch nach Metall, Teer und Polierpaste sowie der Anblick glänzender Silbergegenstände lassen Redakteurin und Fotografin für einen Moment staunend verweilen. Auf einer Werkbank stapeln sich Platzteller, auf einer anderen liegen japanische Essstäbchen, angefertigt aus Silber und Wenge, einem der edelsten Hölzer der Welt.

Jean-Paul Vaugoin freut sich über den staunenden Enthusiasmus seiner Besucherinnen und empfiehlt ihnen das Silberschmiede-Museum im Nebenhaus, das man nach Voranmeldung besichtigen kann.

Die Seidengasse, die wir jetzt überqueren, verdankt ihren Namen den vielen Seidenfabrikanten, die in früheren Zeiten hier ihren Sitz hatten. Dem Berufsstand ist ein altes Wienerlied gewidmet, in dem die Vorzüge eines Lebens als Sohn eines Seidenfabrikanten besungen werden. Unter anderem heißt es dort: „Wann vom Arbeiten g'redt wird, da kieg'n ma an Grant, weil unser Vater war a Hausherr und a Seidenfabrikant, unser Vater war a Hausherr und a Seidenfabrikant.“

Die Stadt Krems in der Stadt Wien und andere gastronomische Highlights

Wer lange geht, muss tüchtig essen. Und da bietet die untere Zieglergasse beste Küche für jeden Geschmack. Seit mehr als 150 Jahren bewirtet in der Zieglergasse 37 das Gasthaus „Zur Stadt Krems“ seine Gäste. Sein erster Besitzer kam aus eben jener Stadt in Niederösterreich und hat seinen Geburtsort nachhaltig auf der Landkarte der Stadt Wien verewigt. Was so lange besteht, muss seine Gäste immer und bis heute überzeugt haben. Auch hier findet sich ein Innenhof, der im Sommer als Gastgarten dient. Hervorzuheben ist Wiens älteste, noch betriebene Kegelbahn. Dort auf alle Neune zu gehen, hilft immens, wenn es gilt, die Kalorien eines wunderbaren Backhendels wieder abzubauen.

Ein paar Schritte weiter, auf Hausnummer 52, befindet sich das „St. Ellas“, das auf seiner Homepage ein Zitat von Woody Allen verewigt hat: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Nach einer Weile braucht er einen Drink.“ Na bitte, da lässt sich im St. Ellas abhelfen. Das Konzept des Lokals unterscheidet sich fundamental vom Gasthaus-Betrieb der „Stadt Krems“. Hier legt ein einfühlsamer DJ auf und untermalt das Essen und Trinken mit Rhythm & Blues, Soul & Funk. Auf der gastronomischen Seite verbindet man hier Bistro, Bar und Grill, und verspricht „unkomplizierte, geschmackvolle Speisen für Genießer“.

Im Nebenhaus gelangt man zum „großen Bruder“ des St. Ellas, dem „Gaumenspiel“. Der Gault Millau hat ihm zwei Hauben verliehen und lobt neben der Qualität von Speis und Trank den schönen Garten im Sommer und die durch den Kamin im Winter hervorgerufene heimelige Atmosphäre. „Man würde gern hier gleich ums Eck wohnen“, heißt es fast euphorisch, was die Spaziergänger durch die Zieglergasse nur bestätigen können.

In diesem Bereich dürfte es seit jeher gutes Essen und Trinken geben, hat doch die Kandlgasse, die wir gerade überquert haben, ihren Namen einem Hausschild mit der Aufschrift „Zur goldenen Kanne“ zu verdanken.

Klassizismus, Daguerreotypie und Kameras

An der Ecke Zieglergasse/Westbahnstraße steht die Pfarrkirche St. Laurenz der Pfarre Schottenfeld, die auf Anordnung von Joseph II. ab 1783 vom Architekten Andreas Zach im Stil des klassizistischen Barocks errichtet wurde. Nach dem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wirkenden Schottenfelder Pfarrer Urban Loritz wurde eine Station der U-Bahnlinie U6 bei der Einmündung der Burggasse in den Gürtel, nahe der Wiener Stadthalle, benannt.

Es lohnt sich, an dieser Kreuzung die Zieglergasse zu verlassen und ein paar Schritte stadtauswärts bis zur Westbahnstraße 40 zu gehen. Dort befindet sich seit dem Jahr 2001 die Fotogalerie „WestLicht“. Hier hat sich dank einer Initiative von Liebhabern und Kamerasammlern ein Ort für Fotografie etabliert, wie es ihn davor in Wien nicht gegeben hat. Die Fotografie war bis dahin ein Stiefkind unter den Künsten, es gab keinen Raum für Ausstellungen, Archivierung und Forschung.

Heute beherbergt das Fotomuseum WestLicht rund 40.000 Objekte in allen fotografischen Herstellungstechniken, von Plattenfotografien und Glasdiapositiven bis zu vielen verschiedenen Printverfahren. Anhand von Beispielen werden die apparativen Voraussetzungen, wie historische Kameras und Betrachtungsgeräte, bis hin zu neueren Technologien gezeigt. Dazu kommen verschiedene Zugänge zur Fotografie aus künstlerischer, zeitgeschichtlicher und kultureller Perspektive.

Der Galerie wurden seit ihrem Bestehen eine Reihe von Teilnachlässen und Werkblöcken wichtiger Fotostudios und Künstler übertragen. Im Jahr 2011 gelang dem Leiter der Galerie, Peter Coeln, die ebenso spektakuläre wie kunsthistorisch bedeutsame Übernahme der „Polaroid-Sammlung“, die beim Konkurs eines Schweizer Museums verloren zu gehen drohte. Die 4.400 Werke von 800 Fotografen und anderen Künstlern – von Ansel Adams bis Andy Warhol – wurden gerettet und dem Publikum zugänglich gemacht.

Die Galerie WestLicht verfügt auch über eine bedeutsame Sammlung von Daguerreotypien. Es handelt sich dabei um Werke aus der Anfangszeit der Fotografie ab 1839. Das aufwändige Verfahren wurde später von neuen, preisgünstigeren Technologien abgelöst. Immer wieder werden die historisch wertvollen Schätze in Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Wer Interesse hat, kann sich zu einer Führung anmelden. Die Galerie, die sich in einer früheren Glasfabrik befindet, wurde vom Architektenteam „Eichinger oder Knechtl“ in dem für sie typischen feinen, unaufdringlichen Stil umgebaut.

Zurück in der Zieglergasse überqueren wir die vielbefahrene Burggasse, über welche in früheren Zeiten die Beamten des Kaisers in gerader Linie ihren Arbeitsplatz in der Hofburg erreichten. Heute führt die Autobuslinie 48A zum Wiener Museumsquartier und der umliegenden Museumsmeile. Wir überqueren weiters die Bernardgasse, die nach einem der Fabrikanten benannt ist, von denen es am „Schottenfeld“ sehr viele gegeben habe dürfte, und kreuzen sodann die Badhausgasse, die nach einem vor bald hundert Jahren geschlossenen Bad, dem Marienbad, benannt ist.

Der Weg endet bei der Lerchenfelderstraße, der Grenze vom siebten zum achten Wiener Gemeindebezirk, mit der neu erworbenen Erfahrung, dass auf einem Kilometer Zieglergasse ein überreiches Angebot an Gastronomie, Kultur und bestem Wohnkomfort vorherrscht.

Mehr Information unter graetzlbericht.at

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