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Bei der guten Nachbarschaft auf Besuch

Unter den Wipfeln der Linden und den barockem Türmen der Servitenkirche hat sich in den letzten Jahren ein reiches Angebot an individuellen Geschäften und kulinarischen Genüssen aufgetan. Egal ob Schokolade oder Häkelnadel: Hier zählt Handwerk noch.

Zwischen Kulinarik und Handwerk

Plötzlich ist es still. Betritt man die schmale Servitengasse über den Jörg-Mauthe-Platz, wo der D-Wagen klingelt und die Autos ununterbrochen vorbeiströmen, ist es die Ruhe an diesem Ort, die als erstes überrascht. Bäume säumen die Gasse, es duftet nach Lindenblüten. Auf Parkbänken haben es sich Mütter mit Kinderwägen gemütlich gemacht und tratschen, aber auch Studenten und Geschäftsleute nutzen ihre Mittags- oder Kaffeepausen, um unter einem der großen Schattenspender einmal durchzuatmen. Zwei ältere Männer diskutieren das politische Geschehen. Die Atmosphäre ist beinahe dörflich – Nachbarn grüßen sich über die Straße hinweg, vor einem Geschäft sitzt eine junge Frau auf einem Hocker mitten am Gehsteig und telefoniert. Auch die Restaurant- und Cafébesitzer haben den Wert ihrer Wohnstraße bereits erkannt: Beinahe vor jedem Lokal finden sich zumindest ein, zwei Tische, die meisten betreiben einen kleinen Schanigarten. Sessel an Sessel stehen gleich am torähnlichen Beginn der Servitengasse die Tische des Lokals DIE SERVIETTE, des edlen PORZELLAN und des Ristorante SCALA, wo man der einhelligen Meinung der Passanten zufolge die beste Pizza des Bezirks, wenn nicht Wiens bekommt.

Ihren Namen trägt die Servitengasse nach dem italienischen Servitenorden, dessen Mitglieder sich im 17. Jahrhundert auch in Österreich niederlassen wollten. Zunächst bezogen die Brüder des Bettelordens nur ein Haus mit dem dazugehörigen Stadl, nach der kaiserlichen Erlaubnis kauften sie ein Haus dazu und begannen mit der Errichtung des Servitenklosters. Ein bisschen klösterliche Ruhe und meditative Stimmung ist auch heute noch geblieben: Nur selten wird die fast ländlich wirkende Idylle durch ein zufahrendes Auto gestört, spielende Kinder und Mütter mit Kinderwägen sind daher keine Seltenheit. Der ideale Ort für MÄDCHEN UND BUBEN. Hier wird Kinderspielzeug fernab von Barbie und Co. verkauft. „Wir haben klein angefangen und nach und nach ausgebaut“, erzählt Melinda-Christine Schuller. Inzwischen kommen treue Stammkunden aus ganz Wien und teils sogar aus Niederösterreich, um die Schätze des inzwischen gar nicht mehr so kleinen Ladens zu bestaunen. Holzspielzeug gibt es hier in allen Varianten, Plüschgiraffen, bunte Stoffwürfel, Mobiles, Kräne und auch die kleine Maulwurf-Handpuppe, Frau Schullers Liebling. Eben alles, was das Kinderherz begehrt. „Wir haben nicht die klassische Produktpalette, sondern viele Sachen, die man woanders nicht bekommt“, erklärt Frau Schuller das Konzept. Die Servitengasse beschreibt sie „wie ein kleines Dorf“. Alle kennen sich, „eben ein richtiges Grätzel.“ Hier macht schlendern Spaß, die Fassaden der um die Jahrhundertwende erbauten Häuser laden ein, den Blick auch mal nach oben zu wenden.

Aber auch die Schaufenster der zahlreichen Gassenlokale sollte man nicht aus den Augen lassen. Denn in den letzten Jahren hat sich die Servitengasse zu einem Geheimtipp für Kulinarik und Handwerk entwickelt, gerne auch in Kombination. Hinter jedem Geschäft und jedem Restaurant hier stecken Begeisterung und Herzblut. So etwa im Blumengeschäft eBOSCO – BLUMEN WECKEN SINNE, das an schönen Tagen auch den Gehsteig zum Schaufenster umfunktioniert. Eine Schwarze Susanne blüht neben aufwändigen Gestecken, große Tonvasen stehen neben großen roten Blüten. Ein einfacher Blumenladen möchte man nicht sein, Pflanzen begreift man nicht als Ware, sondern als Teil der Natur. Prompt huscht eine der Verkäuferinnen aus dem Geschäft, zupft ein Blättchen zurecht, grüßt kurz über die Straße, tätschelt einen vorbeikommenden Hund und plaudert kurz mit dessen Besitzerin. Denn hier leben die meisten Geschäfte und Lokale von der Stammkundschaft, das merken auch jene schnell, die ihre Zelte erst vor Kurzem aufgeschlagen haben. Das CAFFE A CASA zum Beispiel, das seit 2010 die Bewohner mit frisch gebrühten Kaffeespezialitäten versorgt. Hier gibt es Arabica-Bohnen aus aller Welt von Brasilien über Costa Rica bis nach Indonesien sowohl zu kaufen als auch jeweils eine ausgewählte Mischung frisch gemahlen und zubereitet. Denn sogar die Mühle wird hier auf die Kaffeesorte abgestimmt. Als nahezu einzige Dekoration dient in dem weiß-modern eingerichteten Lokal eine große Röstmaschine. „Der Kaffee steht bei uns im Vordergrund, sonst gibt es hier eigentlich nichts. Für hartnäckige Verweigerer ab und zu einen Tee“, schmunzelt der Barista. Ab acht Uhr morgens läuft die Kaffeeversorgung und die Stammkundschaft dankt es: Zum Beispiel mit einem spontan vorbeigebrachten Eis für den Kaffeeverantwortlichen. Damit die Kunden den Kaffee auch in der Sonne genießen können, gibt es auch den einen oder anderen Sessel vor der Türe des Lokals. Denn hier wird Straße als öffentlicher Raum verstanden und auch ausgiebig genutzt. Auch ein paar Häuser weiter hat man sich ganz der individuellen Kulinarik verschrieben: Im CURRY ME HOME kann man in der ungeahnten Gewürzvielfalt der Welt schwelgen. Vermutlich einer der wenigen Orte in Wien, an dem man Tasmanischen Bergpfeffer, Muskatblüten oder Bengalischen Langschwanzpfeffer kaufen kann. Ergänzt wird das Sortiment von ausgesuchten Ölen und Essigen. Wer jetzt schon Hunger hat, ist in dem jungen Mittagslokal SUPPENWIRTSCHAFT gut aufgehoben. Die Philosophie von Frische, Saisonalität und Regionalität in Kombination mit Geschwindigkeit zieht vor allem junges, studentisches Publikum an.

Hinter einer unauffälligen Glastüre mit Glocke hat die Schmuckdesignerin CARLA SCHNEIDER ihr Geschäft eingerichtet. Normalerweise sitzt sie im Hinterraum, wo sich gleichzeitig ihr Atelier befindet und arbeitet an ihren neuesten Werken. Seit elf Jahren betreut sie hier ihre Stammkunden. Auf der anderen Straßenseite wird ebenfalls der Lust am Handwerk gefrönt. Hier geht man allerdings nicht mit Draht und edlen Steinen, sondern mit Nadel und Faden ans Werk. Im VERSTRICKT & ZUGENÄHT hat man den aktuellen Trend zu Handarbeit erkannt und bietet ein breites Sortiment an Wolle, Knöpfen, Bändern, Garn und Reißverschlüssen an. Von stricken zuhause und hinter verschlossenen Türen will man hier jedoch nichts wissen. Es soll gemeinsam gestickt, gehäkelt und gestrickt, aber auch Kaffee getrunken, gefachsimpelt und getratscht werden. Vorbildung braucht es keine, vom blutigen Handarbeitsanfänger bis hin zum professionellen Schaldesigner ist jeder willkommen. „Es ist einfach eine sehr angenehme Gegend“, sagt Schmuckdesignerin Carla Schneider. „Man kennt sich zumindest vom Sehen, nach einigen Jahren grüßt man sich dann auch regelmäßig“, erzählt sie.

Treffen könnte man sich etwa in der KONDITOREI von Ingrid Bürger. Die Konditorei mit ihrem kleinen Caféhausbereich und dem Schanigarten zählt längst zu den Institutionen der Servitengasse. Hier wird Kaffee getrunken und Kuchen gegessen, ein Zeitungsleser wartet lieber hier auf seinen Zug, als am Franz-Josephs-Bahnhof. Antje Zauner hat sich an diesem heißen Tag ein Eis gegönnt. Sie lebt seit 15 Jahren in dem Grätzel. „Ich bin wahnsinnig gerne hier“, erzählt sie zwischen zwei Löffeln und einem Zeitungsumblättern. Sie schätzt vor allem die Ruhe, die gute Ausstrahlung und den Lindenbaumduft der Straße. „Und das, obwohl man in fünf Minuten in der Stadt ist.“ Entwickelt habe sich die Servitengasse in den letzten Jahren nur zum Besseren: „Es ist noch schöner hier geworden. Ich bin dankbar, dass ich hier wohnen darf.“ Gleich gegenüber wartet eine weitere Institution auf hungrige Spaziergänger: Der legendär-lauschige Gastgarten mit Blick auf die SERVITENKIRCHE. Früher gehörte er zum Servitenstüberl, wo Erhard Eisenbock über 25 Jahre lang Wiener Spezialitäten servierte. Inzwischen ist das Lokal zum SERVITENWIRT geworden, die Wiener Küche und der Schanigarten sind jedoch geblieben.

Gegenüber in der LA PASTERIA wird der Schanigarten gerade frisch gedeckt, die Gartenmöbel kurz abgespritzt, ein Gartenschlauch zieht sich deshalb von der Küche durch das gesamte Lokal. Küchenchef Xerxes Panzenböck hat trotzdem kurz Zeit für einen Kaffee. Seit elf Jahren betreut er die Pasteria kulinarisch, vor drei Monaten hat er das gesamte Restaurant übernommen. Jetzt hat sich einiges geändert: Statt klassischem Handel setzt Herr Panzenböck heute auf Nachverfolgbarkeit seiner Produkte, die er oft auch aus ungewöhnlichen Ecken zusammenträgt. „Wir wollen kein reiner Handelsumschlagsplatz mehr sein, sondern mehr Philosophie und Ideologie in das Essen bringen“, erklärt er. Zum Sortiment gehört jetzt keine hausgemachte Pasta mehr, sondern vielmehr Taleggio, Büffelmozzarella oder Prosciutto aus Österreich. „Bei uns gibt es Produkte aus Österreich, die nach italienischer Rezeptur zubereitet wurden“, schildert der Küchenchef sein Konzept. Bio ist es immer dort, wo es Sinn macht. Seine Ravioli füllt er etwa mit Blutwurst und Apfel oder Räucherforelle, der Balsamico kommt aus der Wachau, der Prosecco überhaupt in einer speziellen Eigenabfüllung. „Der italienische Gedanke der Leichtigkeit ist natürlich geblieben“, schmunzelt der Küchenchef. Durch seinen Schwenk hat er einige Stammkunden verloren, jedoch umso mehr gewonnen. Herr Panzenböck schätzt seine Stammkundschaft auf 80 bis 90 Prozent seiner Kunden. „Es ist hier alles sehr authentisch“, sagt der Restaurantbesitzer, „es gibt eigentlich keine Ketten.“ Tatsächlich: Bis auf einen Bäcker und einen Lebensmittelnahversorger sind sämtliche Geschäfte und Lokale in der Servitengasse unabhängige Individualbetriebe, oft Familienunternehmen. „Jeder hat sich Gedanken gemacht, was seine Stärken sind. Hier gibt es kein Gegeneinander, sondern nur ein Miteinander“. Egal wen man in der Servitengasse fragt, die Antwort ist hier fast immer dieselbe, die auch Herr Panzenböck hat: „Es ist einfach eine gute Nachbarschaft.“

Mehr Information unter graetzlbericht.at

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