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Vorstadtidylle trifft Historie

Ländliche Ruhe in den Vorgärten, Geschäfte mit Persönlichkeit sowie eine historische Villa in umittelbarer Umgebung, die an kaiserliche Zeiten erinnert. Das ist Hietzing.

Grüner Wohnen

Rund drei Kilometer lang, schlängelt sich die Auhofstraße quer durch Hietzing. Egal, ob im Villen- und Botschaftsteil im unteren Abschnitt oder im dörflichen Leben der oberen Auhofstraße – die Bewohner schätzen vor allem die Ruhe und das viele Grün.

Ein bisschen Dorf
Die obere Auhofstraße

In das Klirren von Kaffeelöffeln auf Untertassen mischt sich Kinderlachen, es riecht nach Sommer und frisch Gebackenem. Die BÄCKEREI SCHWARZ ist Zentrum und Treffpunkt auf der Auhofstraße. Hier ist immer etwas los, im Schatten der Bäume des Gastgartens wird gefrühstückt, geplaudert und gelacht. Häufig bleiben die Hietzinger nach ihrem Einkauf auch noch kurz unter den gelben Sonnenschirmen vor der Bäckerei stehen, um Neuigkeiten auszutauschen. „Entschuldigen Sie, hab ich mich jetzt vorgedrängt?“, möchte eine ältere Dame wissen. Frau Martina schüttelt den Kopf. Seit zwölf Jahren arbeitet sie hier, ihre Stammkunden kennt sie alle per Namen, Lieblingsgetränk und häufigsten Einkauf. „Unsere Kunden wünschen sich den persönlichen Kontakt, darauf legen sie viel Wert und deshalb kommen sie zu uns“, erklärt die Verkäuferin, während sie zwei Semmeln in das typisch-gelbe Papiersackerl füllt. Die Bäckerei Schwarz ist ein Familienbetrieb, die Stammfiliale auf der Aufhofstraße gibt es seit über 100 Jahren. Gertraud Maurer übernahm das Geschäft als 18-Jährige von ihrem frühzeitig verstorbenen Vater, inzwischen sind auch ihre Kinder in leitender Funktion in den Betrieb integriert. Geöffnet ist eigentlich immer – nur an den zwei Weihnachtsfeiertagen bleibt der Ofen kalt. „Und selbst da beschweren sich die Kunden“, schmunzelt Frau Martina. „Denn sie wissen: Der Schwarz ist immer für mich da.“ Deshalb geht das Geschäft auch am Sonntag am besten – viele Kunden kommen nur für ein, zwei Semmeln oder einen Liter Milch und natürlich für einen Plausch. Dabei gibt es hier auch das Notwendigste an Lebensmitteln, Eis, Schokoschirmchen und sogar Hochzeitstorten. „Grüß Gott, Frau Maria“, ruft die Verkäuferin kurz in Richtung Türe. Früher war hier sogar noch die Backstube im Keller, erzählt Frau Martina, vor sieben Jahren wurde der Platz dann aber zu klein, die Backstube zog um. „Bei uns ist es nicht so 0815, nicht so anonym“, erklärt sie das Erfolgsrezept der über 100-jährigen Geschichte. Die Bäckerei weiß, was sie an ihren Stammkunden hat. Deshalb engagiert man sich im Grätzel, in den Sommerferien gibt es eine Kinderbackstube und auch am Grätzelfest wird zusammen gebacken.

Spaziert man die Aufhofstraße stadtauswärts entlang, ist die ländliche Ruhe noch deutlicher spürbar. Rosenbüsche in Vorgärten und schmiedeeiserne Balkone und Fenstergitter prägen das Straßenbild, grüne Hecken schirmen neugierige Blicke ab. Die Vögel zwitschern. Vorbei am vergleichsweise modernen KÄTHE LEICHTER-HOF aus den 1980er-Jahren, erblickt man rasch das bescheidene Kloster des Oblatenordens, der sich ebenfalls in dieser ruhigen Wohnstraße angesiedelt hat. An jener Stelle, wo die Auhofstraße den Hietzinger Kai trifft, hat sich die Uhrmacher-Familie HÜTTLER ein kleines, beinahe leicht zu übersehendes Geschäft eingerichtet. Seit 250 Jahren wird das Handwerk des Uhrmachers in der Familie Hüttler gepflegt, seit 1963 leitet Gerhard Hüttler den Familienbetrieb im 13. Bezirk. Werbung muss Herr Hüttler keine machen, denn die Kunden kommen von selbst zu ihm und seinem Sohn – vor allem alte und seltene Uhren werden zur aufwändigen Reparatur gerne hierhergebracht.

Die Natur vor der Haustüre
Der Lainzer Tiergarten

Der Vorgarten der Hietzinger hat 2.450 Hektar; teilen müssen sie ihn bloß mit ein paar Wildschweinen und dem einen oder anderen Radfahrer. Durch das Nikolaitor gelangt man von der Aufhofstraße in wenigen Metern direkt in eines der größten Naturschutzgebiete Wiens – den Lainzer Tiergarten. Mitten auf der Wiese hat sich eine Familie zum Picknick niedergelassen, ein kleines Mädchen schaukelt. Sportler kommen hier auf ihre Kosten – Lauf- und Radwege sind extra ausgeschildert. Langweilig wird es aber auch beim Lustwandeln im Grünen nicht, denn zu sehen und zu hören gibt es allerhand. Etwa das Zirpen der Grillen, die Spuren der rund 900 hier lebenden Wildschweine, die sich auf der Suche nach Wurzeln und Insekten durch das Unterholz wühlen oder die kleine NIKOLAIKAPELLE, eines der ältesten erhaltenen sakralen Gebäude Wiens. Zu entdecken gibt es auch Historisches: Unter anderem die Geschichte des „Armen Schluckers“. Im 18. Jahrhundert soll der Baumeister Philipp Schlucker die rund 22 Kilometer lange Mauer, die den Tiergarten auch heute noch umgibt, errichtet haben. Im Gegensatz zur Konkurrenz verlangte er dafür nur ein Sechstel des Preises – die Bevölkerung rechnete mit einem Bankrott und taufte ihn den „armen Schlucker“. Nach fünf Jahren war der Bau jedoch zur vollsten Zufriedenheit des Kaiserhauses abgeschlossen, zum Dank wurde Schlucker sogar der Titel Waldamts Baumeister verliehen. Die HERMESVILLA, die Kaiser Franz-Joseph für Elisabeth errichten ließ, lohnt ebenso einen Besuch wie der Aussichtsturm auf der HUBERTUSWARTE. Aber nicht immer war der Lainzer Tiergarten frei für alle zugänglich. Zu Zeiten der Monarchie diente er als kaiserliches Jagdgebiet, erst 1919 wurde er für die breite Öffentlichkeit geöffnet. Als Naturschutzgebiet ist der Tiergarten auch Teil des Biosphärenparks Wienerwald – deshalb wird hier auch besonderes Augenmerk auf die Naturschönheiten des Gebiets gelegt. Am Wald- und Naturlehrpfad können Kinder spielerisch ihre Umwelt kennen lernen, der Planetenweg führt durch ein maßstabsgetreu verkleinertes Sonnensystem. Auch die Tierwelt abseits der stadtbekannten Wildschweine ist durchaus beachtlich: So wurden hier unter anderem dreizehn verschiedene Fledermausarten beobachtet, neben Damhirschen und Rehen leben auch Mufflons hier. Um diese Vielfalt zu entdecken, braucht es vor allem eines: viel Zeit.

Mehr Information unter graetzlbericht.at

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